Predigt am 4. Sonntag A26 und Predigt am Fest "Darstellung des Herrn" 2026

                                                                        Predigt am 4. Sonntag Lesejahr A 2026

Mt 5,1-12a

 01.02.2026

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Zu unserer Ausbildung im Priesterseminar gehörten auch verschiedene Sozialpraktika. Das erste Praktikum musste gleich nach dem ersten Semester absolviert werden. Ich absolvierte das Praktikum damals im Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda. Dazu gehörten neben einige Botendiensten aber auch: Den Pflegekräften helfen, Gespräche mit Patienten und auch Tätigkeiten, von denen ich glaubte, dass mir das sehr unangenehm sein würde, war es aber nicht. Es gehört einfach irgendwie zum Kranksein dazu. Dabei stellte ich zu meiner Überraschung etwas Sonderbares fest: Wenn ich abends nach Hause kam in mein Zimmer im Priesterseminar, spürte ich in mir ein tiefes Erfülltsein, irgendwie ein Glück. Mir war, als habe die soziale Arbeit und die Hilfe an kranken Menschen einen tiefen Sinn, der mich jetzt erfüllt sein ließ. Das war in dieser Intensität eine neue Erfahrung für mich. Ähnliches berichten auch Jugendliche, die ein freiwilliges soziales Jahr machen, sei es hier in Deutschland oder im Ausland. Sie spüren, weil die Tätigkeit, anderen zu helfen, etwas sehr Sinnvolles ist, eine tiefe innere Erfüllung. Man könnte sagen: Es scheint so zu sein, als ob der Mensch durch seine, sagen wir es mal christlich, Tätigkeit im Bereich der Nächstenliebe einschwingt in eine größere Güte und Liebe, die Gottes eigen ist, und genau in diesem Einschwingen in Gottes Liebe seine eigene Erfüllung findet. Denn der Mensch ist zur Liebe berufen und für die Liebe erschaffen. Es ist sozusagen seine Seligkeit.

2. Und jetzt sind wir schon mitten im heutigen Evangelium, den Seligpreisungen: „Selig, die arm sind vor Gott… Selig, die Trauernden… Selig die keine Gewalt anwenden… Selig, die Barmherzigen…. Selig, die Frieden stiften usw.“ Man hat die Seligpreisungen oft interpretiert als Verheißungen für die Ewigkeit. „Wenn du barmherzig bist, kommst du in den Himmel.“ Vielmehr scheint es mir so zu sein, dass Jesus hier aus ureigenster Erfahrung spricht. In seiner Liebe zu den Menschen, gerade in seiner Liebe zu Armen und Gestrauchelten, erweist er sich als Sohn Gottes. Es strahlt aus ihm eine Liebe, die göttlichen Ursprungs ist, und diese Liebe bedeutet für ihn Erfüllung, ja eine Übereinstimmung mit dem, was er ist: Sohn Gottes. In der Nächstenliebe erfährt Jesus die Einheit mit seinem Vater im Himmel, denn Gott ist die Liebe. Und diese Übereinstimmung bedeutet für ihn Erfüllung und Seligkeit. Der erste Johannesbrief ist eine einzige Meditation über diesen Zusammenhang: „Seht, welche Liebe uns der Vater geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es.“ (1 Joh, 3,1). „“Die Liebe ist aus Gott und jeder der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott.“ (1 Joh 3,7). “Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1 Joh 4,16).

3. Deswegen, aus eigener Erfahrung, heißt Jesus die Menschen selig, die erfüllt sind von einer Liebe zu den Menschen, besonders den Hilfsbedürftigen. Sie erweisen sich darin als Kinder Gottes, schwingen ein in jene Liebe, die von Gott kommt. Und das ist die Erfüllung unserer eigenen Existenz. Unsere Seligkeit. Deswegen werden von Jesus jene Menschen seliggepriesen, weil sie teilhaben

4. Ich habe mit einem Beispiel aus meinem Erleben begonnen, und ende mit einem solchem: „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden“. Als mein Bruder starb, das hat mich wirklich mit tiefer Trauer erfüllt, mehr als bei meinen Eltern. Beide waren alt, mein Vater 87 und meine Mutter 94. Aber bei meinem Bruder, der mit 61 Jahren starb, war das was anders. Zumal wir uns unheimlich gut verstanden haben. Unvergessen unser jährliches Geschwistertreffen bei Ernst-Mosch-Musik. „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“ Genau das spürte ich: Die Trauer hat einen Grund: Das ist die Verbundenheit mit dem Verstorbenen. Ich trauerte, weil ich mich über den Tod hinaus mit meinem Bruder verbunden fühlte und ihm dadurch zusprach: Du bist für mich sehr wichtig gewesen und bist es über den Tod hinaus. Und das war der Trost in der Trauer.

5. Wo also immer Menschen einander Zeichen der Verbundenheit und Liebe schenken, spüre sie innerlich etwas von der Seligkeit des Himmels. Die Seligpreisungen sind so keine Vertröstungen, sondern Zusagen über das tiefste Wesen menschlicher Existenz: Er ist berufen Gemeinschaft mit dem Wesen Gottes, das Liebe ist.


Franz Langstein

                                                                        Predigt am Fest Darstellung des Herrn A26

                                                                                                                           Lk 2,22-40

Liebe Schwestern und Brüder,

1. bei so manchen Beerdigungen, die ich im Laufe des Jahres habe, kommt es hin und wieder vor, dass die Angehörigen mir erzählen, der Verstorbene habe sich noch vor seinem Tod Gedanken machen können über den Ablauf der Trauerfeier und habe auch einige Liedwünsche geäußert. Und da kommt es hin und wieder vor, dass jemand sich zum Schluss der Trauerfeier das Lied wünschte: „Großer Gott, wir loben dich“. Ich finde das immer sehr stark. Wie kommt ein Mensch dazu, dass das letzte Lied vor seiner Grablegung das Lied sein soll: „Großer Gott, wir loben dich“. Das letzte Lied. Was ist das letzte Lied? Was mag einen Menschen bewogen haben zu entscheiden, dass dieses Lied das letzte sein sollte vor der Grablegung?

2. Ist es vielleicht ein gewisses Glück, das man empfindet, weil ihm Vieles gut gelungen ist? Ist es eine Dankbarkeit für alles, was man im Leben an Gutem erfahren hat? Ist es eine Zufriedenheit darüber, dass man doch einigermaßen gut und ziemlich perfekt gelebt hat? Ja, mag alles sein und es wäre, wenn dem so ist, nichts dagegen zu sagen.

3. Oder ist es doch noch etwas ganz anderes, was Menschen dazu anregt, am Ende „Großer Gott, wir loben dich“ singen zu lassen? Ich weiß nicht, ob ich es richtig in Worte zu fassen vermag, was ich da ahne, was es auch noch sein könnte. Es hat mit Loslassen zu tun. Ein Mensch, der an sein Ende kommt, muss loslassen und zurücklassen: Seine engsten Angehörigen, gute Freude, seinen Besitz, alles, worauf er stolz ist. Wenn er ein gläubiger Mensch ist, der im Glauben zu einer gewissen Reife gelangt ist, dann weiß er auch: Er muss loslassen auch all das, wovon er glaubte, es sei für ihn eine Absicherung für die Ewigkeit. Er wird am Ende erfahren, dass nichts hinreichend sein kann, um die Ewigkeit in der Herrlichkeit Gottes und des Himmels zu verdienen. Es ist Geschenk. Er ahnt, dass nichts hinreichend ist. Deshalb hat er keine Angst davor, dass es ihm angekreidet werden könnte, dass er hätte mehr machen können. Er kann auch all das Gute loslassen und sagen: Gott, deine aus freien Stücken geschenkte Liebe allein ist der Grund, dass ich bei dir sein darf und sein werde. Das gibt ihm eine große Gelassenheit. Die Ewigkeit ist nicht Werk des Menschen, es ist Werk Gottes. Und er kann noch mehr loslassen. Er kann auch das loslassen, was ihm nicht gelungen ist: Versagen, Schuld, Oberflächlichkeiten, Gottvergessenheit, Undankbarkeit. Auch das kann er loslassen. Er weiß, dass Gott das alles mit seiner großen Barmherzigkeit umfängt und vergibt. Weder unsere guten Taten noch unsere Schuld sind stark genug, um den Himmel zu verdienen beziehungweise ihn zu verlieren. Gottes Liebe ist stärker. Deshalb, in dieser Erfahrung und einer völlig loslassenden Gottergebenheit, beschließt ein Mensch: Ich möchte, dass das letzte Lied vor der Grablegung das Lied „Großer Gott, wir loben dich“ zu sein hat. Es ist das Loblied auf das Handeln Gottes allein. Es ist das Loblied eines vollkommenen Gottvertrauens und einer Gottergebenheit.

4. Und da sind wir jetzt schon mitten im heutigen Festtag angekommen und mitten im Evangelium: Da wird uns vom „greisen Simeon“, wie er in der Tradition genannt wird, berichtet, dass er das Jesuskind in den Armen seiner Mutter Maria erblickt und dabei Gott lobt mit den Worten: „Nun entlässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast.“ Was für ein Satz: Jetzt, am Ende eines langen Lebens, kann er gehen, und zwar „in Frieden“. „Denn meine Augen haben das Heil gesehen“. Er kann in Frieden gehen, er kann alles loslassen, weil es am Ende allein darauf ankommt auf das, was Gott „vor allen Völkern bereitet hat.“ Heute würden wir sagen: Dass Gott sich bis in die Menschwerdung hinein mit uns verbunden hat. Mehr geht nicht. Simon hat nicht gesungen, „Großer Gott, wir loben dich“, er hat das Nunc dimittis“, gesungen: „Nun entlässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast.“

5. Ich möchte schließen mit einem Text von Karl Rahner, er zu meinen Lieblingstexten gehört. Er passt gut zu dem eben Gesagten, worauf es am Ende ankommt:

„Da ist einer, der mit der Rechnung seines Lebens nicht mehr zurecht kommt, der die Posten dieser Rechnung seines Lebens aus gutem Willen, Irrtümern, Schuld und Verhängnissen nicht mehr zusammenbringt, auch wenn er, was ihm oft unmöglich scheinen mag, diesen Posten Reue hinzuzufügen versucht. Die Rechnung geht nicht auf. Und dieser Mensch übergibt sich mit seiner unausgleichbaren Lebensbilanz Gott oder - ungenauer und genauer zugleich - der Hoffnung auf eine nichtkalkulierbare letzte Versöhnung seines Daseins, in welcher eben der wohnt, den wir Gott nennen. Er läßt sich mit seinem undurchschauten und unkalkulierten Dasein vertrauend und hoffend los und weiß selbst nicht, wie dieses Wunder geschieht, (das er selber nicht noch einmal genießen und als seinen Besitz sich zu eigen machen kann.)“

Franz Langstein