Mt 4,12-23
25.01.2026
Liebe Schwestern und Brüder!
1. Mit dem heutigen Abschnitt aus dem Matthäus-Evangelium wird erzählt, dass Jesus seine öffentliche Sendung beginnt. Jesus lässt sich nieder in Kafarnaum, einem Ort, wunderschön gelegen am See Genezareth. Jetzt geht’s los! Alles ist noch so offen, so voll Hoffnung, so begeisternd, wie eben ein Mensch nur begeistert sein kann, wenn er endlich seinen Beruf und seinen Stand im Leben gefunden hat und nun beginnen kann, seinem Leben jene Gestalt zu geben, die er sich gewünscht hat. Matthäus vergleicht diesen Anfang mit einer alten Verheißung aus dem Buch Jesaja: „Das Volk das im Dunkeln lebt, hat ein helles Licht gesehen, denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen“. So soll es sein. So beginnt es am See Genezareth. Man stelle sich den See einmal vor – vielleicht im Frühling, nach dem Ende der Regenzeit. Plötzlich wird alles grün, eine außergewöhnliche Blütenpracht, ein frühlingshafter Anfang. Alles könnte gut werden, schön werden, so lichtvoll, so hoffnungsvoll, noch keine Rede von der Dunkelheit des Kreuzes und des katastrophalen Endes. „Kehrt um, das Himmelreich ist nahe!“ Dazu ist Jesus gekommen: Den Himmel zu verkünden! Und zwar einen Himmel, der bei den Menschen ist.
2. Aber Jesus weiß: Das, wozu er gerufen ist, das, was er jetzt beginnen möchte, kann er nicht allein. Es gibt keine Sendung Jesu ohne Mitgesandte. Es gibt keine Verkündigung des Himmelreiches, wenn dieses nicht exemplarisch in einer neuen Gemeinschaft gelebt wird und erfahrbar wird. Es gibt kein Wirken Jesu ohne Nachfolge. Wäre Jesus Einzelkämpfer geblieben, gäbe es kein Evangelium, keine Kirche, keinen Neuanfang, der nicht sichtbar geworden wäre in einer neuen Gemeinschaft. Jesus ruft also in seine Nachfolge. Zunächst die Brüderpaare Andreas und Petrus sowie Jakobus und Johannes. Und sie folgen ihm. Aber was heißt das nun genau: Nachfolge?
3. Es ist ein sehr wichtiger Begriff. Denn das Wort „nachfolgen“ kommt in den Evangelien etwa achtzigmal vor. Aber es kommt nie als Substantiv vor, also „die Nachfolge“, sondern immer nur als Verb „nachfolgen“. Damit ist schon einmal klar ausgedrückt: Nachfolge ist kein abstrakter Gedanke, kein Gegenstand, über dem man theoretische Erwägungen abhalten sollte, sondern Nachfolge ist immer etwas, was man tut: nachfolgen. Es ist ein konkretes, nach außen hin sichtbares Tun. Dadurch soll deutlich werden, was es heißt: „Das Himmelreich ist nahe“.
4. Mit dem Ruf „Kommt! Folgt mir nach“ greift Jesus eine durchaus bekannte Gepflogenheit auf. Ein junger Mann konnte sich einen Rabbi wählen und diesem im wahrsten Sinn des Wortes nachfolgen, also hinter ihm her gehen. Aber es gibt zwei Unterschiede: Der junge Mann wählte sich selbst einen Rabbi aus, und er wählte ihn deshalb aus, um von ihm die Thora, die fünf Bücher Mose, zu lernen. Bei Jesus ist das anders. Er selbst erwählt und beruft Menschen in seine Nachfolge. Und sie werden bei ihm nicht die Thora lernen, sondern sie lernen von Jesus, was es heißt, ganz im Vertrauen auf Gott sein Leben zu gestalten. Sie lernen von ihm, was es konkret im Leben heißt, wenn dir gesagt ist: „Das Himmelreich ist dir nahe“. Sie sollen genau das tun lernen, was Jesus ihnen vorgelebt hat und getan hat. Sie werden sein Schicksal teilen, seine Aufgaben, seine Freuden und Leiden, kurz sein Leben teilen. Sie sind in den Dienst genommen für die Sichtbarmachung und Erfahrungsmöglichkeit der Gegenwart Gottes.
5. Vielleicht dürfen wir uns auch genauso bergreifen: die Aufgabe Jesu braucht Helferinnen und Helfer, sie braucht Gemeinschaft. Wo immer sich eine christliche Gemeinschaft bildet, ist sie in diese Nachfolge gerufen. Nur durch eine Gemeinschaft kann nach außen hin sichtbar gemacht werden, was es heißt, Gott ist gegenwärtig. Wir dürfen uns so begreifen: Als von Christus Gerufene. Und so wie damals am See Genezareth, will Jesus mit uns einen Anfang beginnen. Schenken wir uns und den Menschen die Erfahrung des Himmelreiches.
Franz Langstein