Predigt am 6. Sonntag A26 

                                                                                                Mt 5,17-37

 15.02.2026

Liebe Schwestern und Brüder!

1. „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“, so hörten wir eben zu Beginn des Evangeliums. Das mag für die damaligen Menschen erschreckend geklungen haben. Waren doch die Schriftgelehrten und Pharisäer der Maßstab eines guten religiösen Lebens. Sie hielten sich an die Gebote, fasteten, beteten, gaben Almosen, und das alles nicht zu wenig. Und jetzt sagt Jesus, dass das alles nicht genüge? „Eure Gerechtigkeit sollte weit größer sein als die der Schriftgelehrten und Pharisäer?“ Also noch mehr beten, noch mehr fasten, noch mehr Almosen geben? Das kann Jesus so nicht gemeint haben. Wie aber dann?

2. Stellen wir uns einmal vor, es gäbe auf deutschen Straßen keine Verkehrsbeschränkungen: Keine 50 km/h in Städten, keine 100 km/h auf Landstraßen. Es gäbe dann bestimmt irgendwelche Autofahrer, die in der Stadt rasen würden, die auf Landstraßen mit 160 Klamotten unterwegs wären. Warum? Weil sie Freiheit als Erlaubnis zum willkürlichen Handeln missverstehen und nicht Freiheit verstehen als Herausforderung an meine Verantwortung. Das Gleiche gilt für viele andere Bereiche: Nehmen wir die Mietgesetze, die Mitdeckelung? Warum? Weil Vermieter Freiheit missverstehen als willkürliche, oft egoistische Anhebung des Mietzinses statt die Freiheit zu begreifen, dass jeder Mensch in einer Demokratie Verantwortung trägt für das Allgemeinwohl. Weil das von vielen nicht begriffen wird, braucht es also Gesetze, die die Menschen lenken und steuern müssen. Der Mensch, oder besser, eine Gesellschaft scheint also ohne Fremdsteuerung, also ohne Steuerung durch Gesetze, ins Chaos zu fallen. Das gilt auch für religiöse Gebote, wie zum Beispiel die Zehn Gebote.

3. Jesus zitiert heute drei der Zehn Gebote: das fünfte, das sechste und das achte Gebot: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen und du sollst kein falsches Zeugnis geben gegen deinen Nächsten. Offensichtlich braucht es also die Gebote als Steuerung von außen, damit der Mensch gut handelt. Und genau da setzt jetzt Jesus an: Sich rein äußerlich an die Gebote zu halten, birgt große Gefahren. Jesus weiß, wie leicht gerade der religiöse Mensch mit dem äußeren Tun des Gesetzes dem wahren Willen Gottes entfliehen kann. Der religiöse Mensch scheint zu glauben, dass es genügt, die Gebote gehalten zu haben und schon sei man für Gott ein guter Mensch.

4. Das ist wohl die Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer. Und das ist zu wenig. „Eure Gerechtigkeit muss größer sein“. Das heißt nicht: Ihr müsst noch mehr machen, noch mehr beten, fasten und Almosen geben, sondern es heißt: Ihr solltet nicht von außen durch Gebote fremdgesteuert werden, sondern ihr solltet von innen heraus verantwortlich handeln, von innen heraus gut sein. Das ist eigentlich die Erfüllung der Gebote, so dass ihr die Gebote nicht bräuchtet. „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten.“ Das ist das Gebot. „Ich aber sage euch: Wer seinen Bruder auch nur zürnt…“ Mit anderen Worten: Es nutzt nichts, wenn ihr euch zwar an das Gebot haltet, nicht zu töten, wenn ihr gleichzeitig innerlich voll Hass und Zorn seid. Denn ihr würdet dann wohl sofort töten, wenn das Tötungsverbot nicht mehr in Kraft wäre. Und dann wäre offenbar, dass ihr eigentlich schon Mörder seid. Hier merkt man, wie sehr es stimmt, wie sehr gerade der religiöse Mensch mit dem äußeren Tun des Gesetzes an dem vorbeilebt, was eigentlich der Wille Gottes ist: Ein reines Herz zu haben. Hermann Hesse hat das so formuliert: Du kannst bei den Geboten stehen und kannst weit von Gott weg sein. Es geht Jesus um einen neuen Menschen, der von innen her gut lebt.

5. Vielleicht ist gerade das die größte Gefahr einer freiheitlichen Demokratie, dass diese Freiheit nicht mehr verstanden wird als Auftrag an den Menschen, verantwortlich mit der Freiheit umzugehen. Das heißt ja Demokratie: Volksherrschaft. Demokratie heißt nicht, dass man alle vier Jahre mal ein Kreuzchen auf dem Wahlzettel machen kann. Demokratie heißt, dass Volk und somit jeder Einzelne ist verantwortlich für das Gemeinwohl in einem Staat. Wenn das vergessen wird, und Freiheit als Freifahrtschein zum willkürlichen und rein egoistischen Handeln missverstanden wird, dann wird genau dadurch die Demokratie unterhöhlt und die Freiheit muss durch immer mehr Gesetze eingeschränkt werden. So sehen wir, wie gerade das heutige Evangelium einen höchst aktuellen Bezug hat.


Franz Langstein